FAMILIENPOST
ONLINE

Aktueller Monat: Mai 2012


„Simon Boccanegra” am Mir

Belcanto hervorragender Stimmen

„Public Viewing” wegen Schalkes leider verspielter Meisterschaft auf dem Theatervorplatz, deshalb wurde die Premiere von Giuseppe Verdis wenig bekannter Oper „Simon Boccanegra” um einige Tage verschoben.

So gab es ungewöhnlich viele frei gebliebene Plätze für ein solches Opernereignis, wohl auch deshalb, weil der Beginn der Aufführung fälschlicherweise für 18.00 und nicht für 19.30 Uhr in der Presse angekündigt war. Diejenigen, die daraufhin verärgert gleich wieder den Heimweg antraten, haben einen außergewöhnlichen Opernabend verpasst, was vor allem die Leistungen unserer Sängerinnen und Sänger und die des Orchesters anbetrifft. Bravo! Eine solche in sich geschlossene Ensembleleistung haben wir bisher selten am MiR erleben dürfen.
Simon_01H. Bassenz (Amelia), J.H. Kim ( Boccanegra), C. Lincoln ( Adorno) und N. Karnolski ( Fiesco) in den Hauptrollen

Am Gelsenkirchener Theater gibt man Verdis zunächst durchgefallener Uraufführung aus dem Jahre 1857 den Vorzug gegenüber der erst 1881 erschienenen und häufiger gespielten Spätfassung, für die Verdi einige Passagen geändert bzw. dazukomponiert hat. „Simon Boccanegra” in der ersten Fassung, bestehend aus einem Vorspiel und 3 Akten, ist im Schaffen des populären Komponisten ein Werk des Übergangs, das noch weit von dem „reifen” Stil, wie er uns etwa beispielhaft im „Othello” begegnet, entfernt ist. Und doch hat die Rarität von 1857 gegenüber der späteren Version etwas besonders Beeindruckendes. Der Dirigent der Oper, Samuel Bächli, sieht darin, dass eine verwickelte Geschichte von zwei Todfeinden, ihren Parteien und ihren gemeinsamen Familienangehörigen knapp, dramatisch und unsentimental erzählt wird, wobei erst die Musik den Figuren Wahrheit und Tiefe verleiht. Dabei ist das Libretto von Francesco Maria Piave für den vorher nicht Eingeweihten eine schwer nachzuvollziehende Geschichte. Der volksnahe Korsar Simon Boccanegra wird Doge von Genua. Sein politischer Gegenspieler ist der Adlige Fiesco. Dieser hasst seinen Feind abgrundtief, weil er seine Tochter durch den Korsaren entehrt wähnt. Aus dieser Konstellation entwickelt sich eine mit Intrigen gespickte, blutrünstige Geschichte der Irrungen und Wirrungen. Verlierer sind schließlich - bis auf Boccanegras Tochter Amelia und deren Geliebten Adorno - alle. Der Schluss der Oper hat etwas Versöhnliches: Boccanegra muss zwar den Vergiftungstod sterben, bereut aber sein Verhalten und bittet um Vergebung.
Simon_08Hrachuhi Bassenz und Jee - Hyun Kim

Gerade auf den Aspekt des Menschlichen in diesem Drama konzentriert sich die Regiearbeit Gabriele Rechs, die schon mit anderen Inszenierungen in Gelsenkirchen betraut war. Sie will vorrangig den in der 1. Fassung relevanten melodramatischen Aspekt der Oper herausarbeiten: Liebe und Hass, die persönlichen Konflikte der Kontrahenten, das Sehnen nach Glück trotz aller Intrigen. Das gelingt ihr unaufdringlich gut, abseits vom typisch italienischen Opernpathos, obwohl darstellerisch bei der Führung der Personen noch nachgebessert werden könnte.
Stefanie Pasterkamps funktionales Bühnenbild nähert sich in seinen strengen Strukturen der Architektur eines faschistischen Staates an. Personen werden da, wo es gewollt wird, auf podienähnlichen Versatzstücken wie von Marionettenhand bewegt, eine beeindruckende Sichtweise. Die Kostüme Nicola Reicherts wirken unauffällig zeitlos, nur die unmöglichen Perücken („Plätzchen“) stören.
Samuel Bächli als musikalischer Leiter hält jederzeit die „Fäden” der Neuen Philharmonie sicher und gekonnt in der Hand. Nie lässt er seine Musiker – was man bei so mancher Verdi–Einspielung immer wieder erlebt - zu laut überziehen, sondern sorgt bei leichter Stabführung für Präzision, für Klarheit und Transparenz. Er ist ein versierter Sängerdirigent, der immer bemüht ist, seine Künstler auf langem Atem singen zu lassen. Ein Ensemble in Hochform dankt es ihm. An erster Stelle muss hier die Leistung von Hrachuhi Bassenz in der Rolle der Amelia gewürdigt werden, die in ihrer erst jungen Karriere ein Glanzlicht setzt. Ihre Bühnenpräsenz ist außerordentlich. Sie verfügt über einen betörend schön klingenden Sopran, gleichsam in Höhen und Tiefen technisch sicher geführt, jederzeit über das Orchester hinwegstrahlend bei eigentlich nicht allzu großem Stimmvolumen. Jee-Hyun Kim steht ihr sicherlich in keiner Weise nach. Sein voll strömender Bariton gibt der Person des Boccanegra ein beachtliches Charakterprofil. Der Simon Boccanegra gehört sicherlich zu seinen stärksten Rollen, sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Nicolas Karnolski ist Fiesco, ein „schwarzer Bass” von erstaunlichem Format, wie geschaffen für die Rolle des finsteren Fiesco. Positiv überrascht auch Christopher Lincoln als Adorno. Sein schlanker Tenor besticht besonders in den lyrischen Passagen, ein „schwerer” Tenor für das Zwischenfach (Adorno) ist er allerdings nicht. Von verantwortlicher Seite sollte man ensthaft prüfen, ob man seine herrlich lyrische Stimme weiterhin mit solch schweren Aufgaben überlastet. Günter Papendell gibt den intriganten „Strippenzieher” Paolo, stimmlich einmal mehr überzeugend; den über Leichen gehenden Bösewicht strahlt er jedoch nicht aus, dazu wirkt er immer noch zu sympathisch. Als sein schurkischer Partner Pietro gefällt Joachim G. Maaß.

Lang anhaltender Beifall als Dank für einen außerordentlichen Opernabend! War das Publikum deshalb so begeistert, weil es bei herausragenden stimmlichen Leistungen - vielleicht ohne Irritierung durch „modernes Regietheater” - fast ausschließlich die unsterbliche Musik Giuseppe Verdis genießen durfte?

hjk
Fotos: FOTO Majer-Finkes