FAMILIENPOST
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Aktueller Monat: Mai 2012


„Fledermaus” am MiR

„Glücklich ist, wer vergisst,
was nicht mehr zu ändern ist!”

Der scheidende Intendant Peter Theiler hat sich vor Jahren an der„Fledermaus” versucht, diesmal musste Johann Strauß´ schier unverwüstliche „Operette der Operetten” für die Debütarbeit des kommenden MiR-Intendanten Michael Schulz herhalten.

Schulz will bewusst unsere häufig zitierte Spaßgesellschaft mit den Verhältnissen in der von politischen und sozialen Spannungen geschüttelten Donaumonarchie des ausgehenden 19. Jahrhunderts vergleichen. Damals berauschte man sich in der feinen Wiener Gesellschaft bei prunkvollen Empfängen und ausschweifenden Festen in oberflächlicher Champagnerlaune, heute verdrängen die, die das Geld dazu haben, - ungeachtet sozialer Missstände – vielfach ihre Probleme auf Partys oder in Nobeldiscos, wo reichlich dem Alkohol und Drogen zugesprochen wird.
Wo es sich anbietet, einen traditionellen Operettenstoff in das Heute zu transferieren, ist immer ein guter Ansatz. Dabei geht es jedoch entscheidend um das Wie. Und da kommen eben für Schulz´ Inszenierung gewaltige Zweifel auf, ob dies gelungen ist.
Die Fledermaus - 1. AktKathrin-Susann Broses Bühnenbild des 1. Aktes lässt uns einblicken in das von Geschmacklosigkeit geprägte Interieur des neureichen Ehepaars Rosalinde und Gabriel von Eisenstein. Alles ist teuer, aber in der Wirkung billig. Dem dümmlichen Eisenstein, verkörpert durch den bei stimmlicher Begrenzung recht spielgewandten William Saetre, fehlt jede Spur von Adel. Den Titel scheint er sich dank seines Reichtums käufllich erworben zu haben, ebenso wie seine wunderschöne, auf Sex gestylte Rosalinde. Regine Hermann, als eine, die es wie ihr Gatte mit der ehelichen Treue nicht so ernst nimmt, füllt spielerisch und stimmlich diese Rolle voll aus, obwohl wir sie in den Höhen schon besser in Erinnerung haben. Da hört sie sich manchmal zu dünn an. Mit der Karikatur auf einen in Mimik und Gestik in sich selbst verliebten „typischen” Tenors gelingt Sergio Blazques die Rolle des Alfred vortrefflich, ohne auf den tenoralen Wohlklang seiner Stimme verzichten zu müssen. Claudia Braun als Adele, stimmlich in gewohnter Frische, als Dienstmädchen im Hause Eisenstein angestellt, um ihr Bühnenstudium zu finanzieren, muss äußerlich hausbacken und bieder daherkommen, obwohl sie es doch faustdick hinter den Ohren hat und vergnügliche Feste wohl zu schätzen weiß. Die Handlung wird von Dr. Falke gesteuert, gewohnt souverän umgesetzt von Günter Papendell, hat er doch mit Eisenstein noch eine Rechnung – die Rache der Fledermaus - offen, als dieser ihn einmal vor der ganzen Stadt blamierte, indem er ihn im betrunkenen Zustand als Fledermaus verkleidet unter dem Gespött der Leute nach Hause torkeln ließ. Es gelingt ihm, seine Rache in Szene zu setzen: Alle Beteiligten, außer Alfred, den Gefängnisdirektor Frank (ansprechend Melih Tepretmez) versehentlich statt Eisenstein hinter Gitter bringen wird, werden sich auf Einladung des Grafen Orlowski auf einem Maskenball der Schickeria - freiwillig oder unfreiwillig - wieder begegnen. Der kauzige Advokat Blind (Georg Hansen) macht seinem Namen alle Ehre. Er passt nicht in die „feine Gesellschaft”. Ganz anders Adeles Schwester Ida (Elise Kaufmann), sie weiß, wie man dort Einlass findet. Bis zum Ende des 1. Aktes kann man der Konzeption folgend sich noch leidlich in die Szenerie einfühlen, obwohl das Bühnengeschehen mit abgeschmackten Gags immer mehr in Klamauk ausartet.
Die Fledermaus - 2. AktDer 2. Akt beim steinreichen Prinzen Orlowsky führt uns als Voyeure ein in die Scheinwelt der Schönen und Reichen, die Bühne ein einziger Schauplatz der „Vanity Fair”. Wir als Schaulustige haben keinen Einlass, aber die Medien sind exklusiv immer dabei, so dass uns nichts entgeht, was sich in der High Society so abspielt. Ein exzellenter Einfall der Regie! Auf der Bühne geht es da wenig fein zu. Frauen mutieren zu Männern und umgekehrt („Brüderlein, Schwesterlein..”.... !). Natürlich muss Prinz Orlowsky, publikumswirksam in Szene gesetzt von Anna Agathonos, eine Prinzessin sein. Man hat Spaß miteinander, nicht nur beim Trinken, Gruppensex ist angesagt. Weil man sich in dieser Gesellschaft leicht zu langweilen beginnt, werden härtere Events aufgetischt. Adele - mit Puppe, die ihrem eigenen Aussehen ähnelt – steigt aus einem von Orlowsky eigens bestellten Sarg. Was soll das? Schafft Orlowski vielleicht mit diesem Happening die niedere Herkunft Adeles aus der Welt? Nachher muss Eisenstein sturzbetrunken in den Sarg hineinfallen. Spätestens an dieser Stelle schlägt die wohlwollende Einstellung für die bis hierher nachvollziehbare Konzeption um in kopfschüttelndes Unverständnis. Da kommt Ärger auf, beim Zuschauer macht sich mehr und mehr Langeweile breit. Man ist froh, wenn der 2. Akt zu Ende ist.

Und dann der mit Spannung erwartete 3. Akt, in dem – übrigens in einer reinen Sprechrolle - der Gefängniswärter Frosch seinen urkomischen Auftritt haben sollte. Leider ist Joachim Gabriel Maaß nur ein betrunken blödelnder Büttenredner, der außer Gelsenkirchener „Dönekens” nicht viel zu bieten hat. Für den Text sind übrigens er selbst und der Gelsenkirchener Lokalkabarettist Bernd Matzkowski zuständig! Wenn schon witzige Pointen, dann aber bitte keine abgedroschenen Sprüche ( wie beispielsweise „Gelsenkirchen, die Stadt der 1000 Freier!”) Makaber an diesem sonst so fidelen Gefängnis wirkt der auf einer Kleinbühne aufgestellte elektrische Stuhl, wohl ein Hinweis darauf, dass die Schaulust der Menschen auch vor gar nichts mehr Halt macht. Dass das Büro des Gefängnisdirektors ein Schrankbett ziert, wo der Herr dienstlich seinen Rausch ausschlafen kann, ist dagegen ein amüsanter Einfall. Zum Schluss wird die ganze alkoholisierte Gesellschaft Zeuge, wie Dr. Falke seine „Rache” an Eisenstein nehmen kann, was bei einem Dämel, wie Eisenstein sich geben muss, auch nicht weiter schwer ist. Zur allgemeinen Belustigung ist Eisenstein der Gehörnte. Der Plan Falkes ist aufgegangen. Hier ist viel Platz für Spott und Häme, die dann auch reichlich über den Gefoppten ausgegossen wird, leider wieder nur mit Betisen und albernen Sprüchen. Am Ende haben sich dann alle wieder lieb, denn Schuld an dem Possenspiel war „nur der Champagner”.

Johann Strauß´ unsterbliche Musik scheint in dieser flachen Inszenierung (Nandor Ronays trefflich einstudierten Chöre sind da ausgenommen) ebenfalls Schaden genommen zu haben. Es gelingt dem Orchester unter der Leitung seines Dirigenten Kai Tietje nicht immer, Straußens allseits bekannte Melodien zu zünden. Die Einsätze kommen - eigentlich unverständlich angesichts seines bewährten Könnens – an manchen Stellen nicht präzise genug. Hier werden die Tempi zu schnell angezogen, da werden sie verschleppt. Für Tietje bleibt da noch einiges zu tun.

Die Gelsenkirchener Fledermaus also ein Skandal? Nein ganz bestimmt nicht. Dazu ist sie zu sehr Klamauk und nichts anderes mehr. Schließen wir uns doch einfach einer Empfehlung aus dem Libretto der Operette an: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.”

hjk

Termine

Sonntag, 11.3.
15.00 Uhr

Samstag, 17.3.
19.30 Uhr

Donnerstag, 29.3.
19.30 Uhr

Samstag, 31.3.
19.30 Uhr


Karten unter: (0209) 4097-200