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Michael Schulz´ Neuinszenierung von Puccinis „La Bohème”
Gelsenkirchen hat wieder einmal seinen Opernhit, die Neueinstudierung von Giacomo Puccinis vielleicht beliebtester und bekanntester Oper. Die meisten Opernfreunde schwelgen in angenehmen Erinnerungen an die eine oder andere Aufführung, die sie bereits „genießen” durften, vornehmlich wegen der Qualität der Musik oder der Leistungen der Sänger.
So weit, so gut. Für einen Regisseur, der sich wagt über diese traditionell konventionelle Sichtweise hinaus, oft gegen den Protest des Publikums, mehr zu wollen, besteht der Reiz gerade darin, einen anderen Zugang zu dieser so rührenden Herz–Schmerz Liebesgeschichte zu finden.
Michael Schulz, ab der kommenden Spielzeit neuer Intendant am Gelsenkirchener MiR, glaubt für seine Inszenierung klare Indizien gefunden zu haben, dass man die Bohème auch ganz anders sehen kann, ohne sich von Puccini entfernen zu müssen. Dazu will er erst einmal mit üblichen Klischéevorstellungen von falsch verstandenem Künstlertum aufräumen. Für Schulz sind die Bohèmiens lediglich Typen, die behaupten, Künstler zu sein. Ihr Künstlertum präsentiert sich in Posen. Hinweise darauf, dass die Kunst für sie irgendeinen übergeordneten Wert hat, gibt es nicht. Im Gegenteil, für ein bisschen Wärme verbrennen Rodolfo und Marcello ihre Kunstwerke, was ein ernsthafter Künstler niemals machen würde. Und von Schaunard erfahren wir bestenfalls die Lachnummer, dass er als Musiker zum Tode eines Papageien aufspielen muss.
Sich an den Roman Henri Murgers „La vie de Bohème” anlehnend begegnen wir bei Schulz eine Aussteigergruppe auf Zeit, die aus Lebensübermut sich einen Spaß daraus macht, dem Establishment „die kalte Schulter” zu zeigen. Womit wir beim Frieren in der selbst gewählten, abbruchreifen Mansarde wären. Auch das Frieren ebenso wie das Hungern soll – welch zynischer Ansatz! - bestenfalls ausprobiert werden. Da die Existenz eigentlich gesichert ist, könnte man sich ohne weiteres eine funktionierende Heizung und einen gefüllten Warenkorb leisten. Weil das aber in unserem genormten Leben so gut wie alltäglich ist, wird es als spießig abgelehnt. Die 4 kehren erst in das wirkliche Leben zurück, als sie, durch Mimis Krankheit aufgeweckt, mit der Vergänglichkeit des Lebens - mit dem Tod - konfrontiert werden.
(v.l.) C. Helmer, M. Trepetmez, G. Hansen, F. Oberto u. N. Karnolsky
Im 1. Akt geht Michael Schulz´ Konzept voll auf. In einem tristen Quartier Latin gehen Menschen, ihren Alltag bewältigend, beziehungslos auf und ab. Es ist Winter, von Touristen keine Spur. Auch irgendein Hinweis auf Weihnachten fehlt. Dann der Blick auf die Dachkammer mit dem Bullerofen in der Mitte. In diesem schäbigen Ambiente wird vor sich hin dilettiert, gelacht, geweint, gegessen und getrunken und vor allem geliebt. Hier können sich trotz aller Gefühlsseligkeit - der Musik Puccinis kann man sich kaum entziehen - eine der schönsten Belcantoszenen der Opernliteratur entwickeln. Also doch „romantisch” oder gar echt? Der Traum von Liebe wird für Mimi und Rodolfo in irrationalem Blau wahr. Aber es ist halt nur ein Traum, im Leben kann er sich nicht erfüllen, das gilt auch für Musetta und Marcello, die als Liebende auch nicht zueinander finden können.
Treffpunkt Cafè Momus
Das Café Momus ist der Treffpunkt für herrliche Genreszenen. Hier offenbart die Musik Puccinis ihre wahre Meisterschaft. Alles was geschieht, was man sieht, was man hört, ist komponiert. Und was in der Partitur vorgegeben ist, sollte man nicht weglassen. In sofern ist die Regie Diener der Musik. Das ist auch für Schulz wichtig, er setzt es konsequent um.
Neben anderen bemerkenswerten Regieeinfällen sei nur noch einer genannt, der darauf aufmerksam machen soll, wie der Regisseur die Arbeit an Details schätzt. Schulz gibt dem Maler Marcello in einer Szene statt eines Pinsels eine Anstreicherrolle in die Hand. Einfacher kann man nicht zum Ausdruck bringen, wie er die Wertigkeit von Marcellos Künstlertum einschätzt.
Makaber wird es in der Tischszene. Erst wird an ihm gefeiert, später wird das Tisch- zum Leichentuch, wohl eine Anspielung auf einen Ausspruch Murgers: „Die Bohème ist die Vorstufe des Künstlerlebens, sie ist die Vorrede zur Akademie... oder zum Leichenschauhaus.”
Leider ist der 4. Akt so nun gar nicht mehr nachzuvollziehen. Sicherlich handelt es sich inhaltlich immer nur um Stationen aus dem Leben der Bohèmiens. Gezeigt wird aber so etwas wie die 1. Pflegestufe der 4 Freunde. Sichtlich gealtert fristen sie als Tattergreise ihr restliches Leben. Sollte hier Schulz der Versuchung nicht widerstanden haben, sich allzu eng mit Murger identifiziert zu haben? Denn zurück in der Mansarde wird die Bruchbude so etwas wie ein vorgezogenes „Leichenschauhaus”. Mehrere Jahrzehnte scheinen vergangen zu sein. Mimi aber hat äußerlich die Jahre trotz schwerer Krankheit gut überstanden. Sie sieht noch gut aus und trägt immer noch ihr dünnes Blumenkleidchen.
Das Bühnenbild von Katrin–Susan Brose und die Kostüme von Klaus Bruns passen sich den Vorgaben der Inszenierung folgerichtig an.
Das Ganze geschieht mit der unfassbaren Wirkung der genialen Musik Giacomo Puccinis, von der man weiß, dass sie sofort ins Herz geht und trotz ihrer emotionalen Kraft ehrlich und wahrhaftig ist, ohne dabei auf leere Effekte abzufahren. Die Neue Philharmonie unter der Leitung unseres neuen GMD Heiko M. Förster widersteht dieser Gefahr, sieht die Partitur als Chance das atmosphärisch Ehrliche in den Vordergrund zu stellen. Das gelingt dank der Professionalität Försters hervorragend - ein Orchester in Hochform. Förster überträgt das Gleiche auch auf die Chöre, Berufs– und Extrachor (Leitung Christian Jeub). Besonders bedankt seien die Kinder von der Städtischen Musikschule. Sie reihen sich spiel– und sangesfreudig nahtlos in die Chorleistungen der Erwachsenen ein, sicherlich eine Folge der erfolgreichen Arbeit ihres Leiters Alfred Schulze–Eulenkamp.
Und die Sänger, ohne deren Klasse eine Bohème nicht stattfinden kann. Im Vorfeld wurde bekannt, dass außer dem Rodolfo alle anderen Partien Rollendebuts sind. Herausragend an erster Stelle die Hauptpartien, der innige Schönklang der noch ausbaufähigen Stimme der Hrachui Bassénz als Mimi und die sowohl im Forte als auch im Mezza Voce italienisch tenoral überzeugende Leistung des - leider nur als Gast singenden – Fulvio Oberto, bei zierlicher Physis stimmlich ein Großer. Der Bariton von Melih Tepretmez ist ein weiterer Gewinn des Abends, herrlich sein zupackender Marcello, auch in den Höhen frei, überzeugend wie auch der Schaunard von Christian Helmer (als Gast) und der Colline von Nicolai Karnolsky. Leah Gordon verkörpert die Musetta. Bestechend bei ihr, dass sie ihre Rolle immer als Einheit von Stimme und Darstellung versteht, ihrer Ausstrahlung kann man sich nicht entziehen. In kleineren Rollen ansprechend Jerzy Kwika und Serey Fomenko. Ein besonderes Lob gilt der Solopartie eines Mitgliedes des Berufschor für seine Darstellung des Hauswirtes Benoit. Georg Hansen liefert gesanglich und spielerisch eine herrliche Type ab.
Insgesamt ein erfolgreicher Abend, obwohl der ganz überwältigende Beifall, den die Produktion gerade auch wegen der sängerischen Leistungen eigentlich verdient gehabt hätte, ausblieb. Insgesamt aber unbedingt sehenswert!
Vielleicht versucht sich unser Haus, das sich ja gerade durch sehenswerte „Ausgrabungen“ in Vergessenheit geratener Stücke definiert, demnächst mit einer anderen Bohème, mit der von Leoncavallo.
hjk
Fotos: Majer-Finkes
Infos und Karten: 0209 - 4097200
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