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Otello im Boxring - doch Opernskandal findet bei der Premiere der Verdi–Oper nicht statt
Halbzeit in der Saison 07/08, der letzten der Ära Theiler am Mir. Im doppelten Sinne des Wortes geschafft, aber glücklich schienen die Künstler nach der Premiere zu sein, war ihnen doch von der Inszenierung, über die musikalische Umsetzung bis hin zu den sängerischen Leistungen von Solisten und Chor ein – um es neudeutsch zu sagen - „Event” gelungen, der in die Annalen des hiesigen Musiktheaters eingehen dürfte.
Ein Kraftakt, der bis an die Grenzen des am MiR Machbaren gehen würde, so hatten sich die Verantwortlichen im Vorfeld der Produktion geäußert. Der Mut zum Risiko hat ihnen Recht gegeben und sich letztendlich in allen Belangen gelohnt. Bezeichnenderweise gab es am Ende der Aufführung kein einziges „Buh“, die Vision des Regisseurs Dieter Kaegi, den Stoff aus diabolischem Intrigenspiel um Eifersucht und Mord ausgerechnet in eine Sportarena zu verlegen, ist beim Gelsenkirchener Publikum erstaunlich gut angekommen oder wurde anerkennend toleriert, ohne in Begeisterungsstürme auszubrechen.
Eingangsszene als Boxarena
Der Boxring in der Eingangsszene – im weiteren Verlauf reduziert sich das Geschehen atmosphärisch nach und nach zu einer stimmigen Shakespeare– Bühne - ist für Kaegi die Metapher für den Ort blutigster Auseinandersetzungen im Ränkespiel um Macht, Rache und Verblendung. Das in der Funktion realistische Bühnenbild ist von der aus Gelsenkirchen stammenden Stefanie Pasternak. Das Schlafgemach des 4. Aktes gewinnt, alles Nebensächliche aussparend, durch Stilisierung.
In wahnsinniger Eifersucht schreckt der eigentlich Verblendete, der Machtmensch Otello, vor Mord und Selbstmord nicht zurück. Otello sei, so Kaegi, machtbesessen wie ein Manager oder Promoter, muss aber hilflos schwach an sich erleben, wie die Katastrophe ihren Lauf nimmt. „Er ist, wie er ist“, erkennt Jago. So kann sein teuflischer Plan aufgehen.
Sehr gerne hat Samuel Bächli die musikalische Leitung seiner „Lieblingsoper” übernommen. Er ist mit seinem Landsmann Dieter Kaegi völlig einer Meinung in der Forderung, dass zum Spannungsaufbau - immer in Respekt vor Text und Musik - auf der Bühne „etwas passieren muss, was man sehen kann.” Die gelungene Cheerleader–Szene im 1. Akt verdeutlicht das konkret. Wunschoper Bächlis gerade auch deswegen, weil Verdi in seiner letzten Schaffensperiode, zu einem Zeitpunkt, da er eigentlich gar keine Oper mehr komponieren wollte, die starre Form der italienischen Nummernoper entscheidend reformieren konnte. Sein kongenialer Librettist und Freund Arrigo Boito konnte ihn glücklicherweise doch noch für dieses Meisterwerk umstimmen. Vergeblich wird man im Otello reine Arien suchen. Arienähnliche Sequenzen, abwechselnd mit Ensembleszenen, sind in großen melodischen Bögen übergangslos - wie eine „unendliche Melodie” - durchkomponiert. Bächli gelingt es, mit seinen Neuen Philharmonikern weitgehend diese Welt unnachahmlicher Melodik aufzuschließen. Das Orchester folgt dem Impetus seiner Taktgebung mit Hingabe. Hier und da tun sich noch leichte Verschleppungen auf, der ein oder andere Einsatz sitzt noch nicht ganz, an einigen hochdramatischen Stellen scheint das Orchester zu laut, Soloeinspielungen (Kontrabässe!) könnten noch an Sauberkeit gewinnen. Zurück zum Gewinn dieser Aufführung: Das Zusammenspiel von Orchester, Chor und Solisten könnte besser nicht sein. Hier verdienen Berufs- und Extrachor höchstes Lob. Was Christian Jeub mit seinen Choristen gerade für die Eingangsszene geleistet hat, ist bewundernswert! In der Premiere unter der Stabführung Samuel Bächlis beispielhaft!
N. Ogawa-Yatake und K. Olsen
Und die Solisten? Es sollte nicht als Lokalpatriotismus ausgelegt werden, doch was Jee–Hyun Kim als Jago leistet, ist phänomenal! Ihm gelingt unnachahmlich die Personifizierung des Bösen, in Darstellung und Stimmgebung gleichermaßen nuanciert und differenziert. Seine voll tönende Stimme klingt bis ins Piano hinein gut disponiert. Selten gewinnt er auch darstellerisch ein solches Profil wie in dieser Rolle, z. B. atemberaubend in der Szene, als er Nebenschauplätze der Handlung mit der Kamera einfängt und selbst auf Großleinwand projiziert (genialer Regieeinfall!). Auch Noriko Ogawa – Yatakes Darstellung der Desdemona kann positiv überraschen. Darstellerisch und stimmlich - bis auf einige Forcierungen in extremen Höhen – weiß sie voll zu überzeugen. Besonders „ihr” Solopart im 4. Akt kommt voll rüber. Keith Olsen ist Otello. Leider nur als Gast. Schon äußerlich, an Michael Schumachers Manager Willi Weber erinnernd, ist er ein Glücksgriff für die Gelsenkirchener Inszenierung. Sein in der Mittellage wohl klingender, baritonal farbener Tenor erklimmt technisch sauber und nahezu mühelos die Klippen dieser anspruchsvollen Partie. Umso bemerkenswerter, als er hier in dieser schwierigen Rolle debutiert. Und wie! Darstellerisch dürfen bei ihm noch Wünsche offen bleiben, z. B. in der Wandlung von scheinbarer Normalität zur wahnhaften Eifersucht. Ebenfalls als Gast Rémi Garin in der Partie des Cassio. Auch er liefert eine tadellose Partie ab. Man würde ihn hier gern in größeren Rollen hören. In weiteren Partien gefielen Anna Agathonos, William Saetre, Christian Helmer und Wolf–Rüdiger Klimm.
Ein für Gelsenkirchen großer Opernabend und Höhepunkt der Spielzeit war unter Bündelung aller Kräfte geschafft. Glückwunsch allen Beteiligten an dieser Produktion!
hjk
Fotos: Majer-Finkes
Infos und Karten: 0209 - 4097200
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