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Aktueller Monat: Mai 2012


RuhrTriennale:

Peymann lässt bitten - Provokation und Faszination eines großen Theatermachers

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Triennale ist dem Wirken Claus Peymanns gewidmet.

Claus Peymann” im EinsatzPeymann allgegenwärtig: Als Regisseur inszeniert er Schillers „Die Jungfrau von Orléans” und in Uraufführung Peter Handkes neues Stück „Spuren der Verirrten”. Außerdem kann man ihn als Schauspieler in 3 Dramoletten von Thomas Bernhard erleben. Im Filmclub BO-Kino läuft eine Reihe seiner bekannten verfilmten Theaterarbeiten, wie z.B. seine berühmt berüchtigte Inszenierung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung.”
Auf einer Pressekonferenz in der Bochumer Jahrhunderthalle; zu der der Intendant der Ruhrtriennale, Jürgen Flimm, geladen hatte, nutzte Peymann die Gunst der Stunde, um all das zu kritteln, was ihm am Theaterbetrieb heute missfällt. Und das war eine ganze Menge. Eingangs hatte er noch die Theaterlandschaft „Ruhrstadt” mit seinem aufgeschlossenen Publikum und seinen außergewöhnlichen Spielstätten (Industriekultur) lobend hervorgehoben. Auch die Anmerkung, wie gern er sich noch an seine Bochumer Zeit zurückerinnere, durfte nicht fehlen. Aber dann ging es, wie auch von allen erwartet, richtig zur Sache. Hatte er doch hier für sein Ego die Schaubühne, die er braucht, um in unnachahmlicher Weise „draufzuhauen” und sich in Szene zu setzen, mal böse und provokativ, dann wieder witzig und charmant. Aus dem Stegreif lieferte er ein „Einmannstück” vom Range einer „Publikumsbeschimpfung” ab, wie es eben nur ein Peymann kann.
Der inzwischen 70-Jährige ist stets seiner Einstellung zum Theater, für die er sich mitunter radikal einsetzt, treu geblieben, besonders dann, wenn es für ihn um unverrückbare politische Prinzipien und Positionen geht. Sein Anspruch sei immer wieder „Zeit abzubilden, Leben zu entdecken.” Theater sei „Hoffnung für die Genesung der Welt!”
Warum er nebeneinander Schiller und Handke auf der Triennale inszeniere? Weil sie beide den gemeinsamen moralischen Impetus hätten. Aus Solidarität mit den Schwachen bezögen sie Stellung gegen die Machthabenden. Für beide sei Theater Aufklärung, so Peymann.
Theater habe die Aufgabe aufzuklären, nicht zu belehren. Das sei eine Frage der Moral. Aufzuklären sei über die großen Fragen der Menschheit. Wenn es vom politischen Standpunkt sein muss, sogar parteinehmend. Ohne auf die Position Handkes in der Milosevic-Frage weiter einzugehen, rühmt er dessen Einmischung im Kampf gegen den Faschismus am Beispiel Serbiens.
Für Peymann sind die wenigen Großen der Neuzeit wie Peter Handke und Thomas Bernhard, zum Teil seine Weggefährten, gleichbedeutend mit den großen Moralisten der Klassik wie Lessing (Peymann: „Die Ringparabel sollte Weltverfassung sein!”), Schiller oder auch Büchner.
Als These formulierend donnert Peymann dann gegen die Flut von Stücken, die auf dem Theater nichts zu suchen hätten, dumme Machwerke für den Papierkorb, weil sie nicht „das Herz unserer Zeit” widerspiegelten. Diese Inflation sei typisch für unsere an der Oberfläche pulsierende Wegwerfgesellschaft. Jede Epoche habe höchstens 3 gute Stücke!
In einer weiteren These lässt er kein gutes Haar am Fernsehen und seinen öffentlichen Anstalten. Sie beteiligten sich nicht an der Ausbildung von jungen Schauspielern, von denen sie doch profitierten. „Die überlassen sie allein den Schauspielschulen”, wettert er. Hochbegabte Schauspieler gingen dem Theater verloren, weil sie für billige Produktionen („fade Scheiße”) von den Fernsehanstalten abgeworben würden. Dort hätten sie dann nichts weiter zu tun, als ihren Text wie Marionetten herunterzurattern. Beim Fernsehen habe man keine Zeit inne zu halten. Bedient würde man mit „kurzlebigen Trends zum gleich Weiterzappen.”
Fast beiläufig kommt er auf eine junge Schauspieltruppe aus Stuttgart zu sprechen, die dokumentarisches Theater macht. Zur Zeit arbeiteten sie an einem Stück über ihn mit dem Titel „Peymann - Beschimpfung”. „Wenn das Stück nicht gut wird, bin ich ruiniert,” witzelt Peymann hintergründig.
Peymann ist und bleibt eben Peymann.

hjk