FAMILIENPOST
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Aktueller Monat: Mai 2012


Philharmonie-Skandal

Essener CDU-OB gegen Kapital und Presse

"Es ist die intellektuelle Arroganz eines Künstlers, der glaubt, sich über alles hinwegsetzen zu können, und meint, seine Freunde aus Wirtschaft und Publizistik würden es schon richten." Mit ungewöhnlich stark klingenden Worten setzte sich der gerade von einer Tunesienreise zurückgekehrte Essener Oberbürgermeister Wolfgang Reiniger ins Rampenlicht der brennenden Meinungsäußerungen zum Fall des fristlos entlassenen Philharmonieintendanten.

Es sollte wohl der Befreiungsschlag von dem entgegenbrandenden Medienecho werden, denn es muß ihn heute sehr verletzen, wenn die abrechnungsmäßig begründete Entscheidung gegen den Intendanten Kaufmann bundesweit ein negatives Medienecho findet. Hinzu kommt noch eine Sammlung ultimativer Bekenntnisse zugunsten Kaufmanns, u. a. von so wohlbekannten Namen wie Kurt Masur und Spitzen unterstützender Weltfirmen. Ersterer will die Schwelle des Hauses nicht mehr betreten, wenn Kaufmann nicht an seinen Platz zurückkehrt, Letztere wollen zukünftig das Geld zurückhalten, wenn Kaufmann das Haus verwehrt bliebe. Mittlerweilen gibt es Denkmodelle, nach denen die Stadt sich vor Überziehungen sichern könnte und der Haushalt der dann aus dem Verbund mit Oper und Schauspiel herausgenommenen Philharmonie überschaubarer würde. Gerade das wollen aber die Stadtpolitiker der CDU ebensowenig wie der Intendant der Oper.
Nun stehen sich die Beteiligten starr gegenüber und die anfänglich noch vorsichtig formulierten Lobeshymnen über Kaufmanns künstlerische Leistungen bekommen bissige Disharmonien wie das Eingangszitat hinzu.
Vollkommen aus dem Blickwinkel des Streitdialoges gerät dabei die bisherige Rolle des Aufsichtsrates und des Kulturdezernenten. Deren bisherige Verantwortlichkeit wird vollkommen dem postulierten angeblichen Versagen des Gründungsintendanten untergeordnet. Eine fatale Entwicklung, die mit der Unfähigkeit gerade des Überwachungsinstrumentes "Aufsichtsrat" ihren Anfang nahm.
Essen wird dieses Thema nicht durch ein kindlich hilfloses "Basta" los, Medien und Öffentlichkeit sind neben den höchst verstörrten Sponsoren und Künstlern wenig gewillt, dem starren Beharrungsverlangen der Stadtspitze zu folgen. Sollte sich nichts bewegen, dürfte man sich ohnehin mit einer Prüfung durch das Arbeitsgerichtsverfahren "Intendant gegen Stadtspitze" konfrontiert sehen, Das Verfahren könnte dann allerdings in das Wahlkampfgeschehen der Stadt hineinreichen, eine Entwicklung, die der regierenden CDU wohl kaum angenehm sein dürfte.
Das von der fördernden Wirtschaft favorisierte Modell sieht eine Auslagerung der Philharmonie aus dem Zusammenschluß mit Oper und Schauspiel vor. Die Philharmonie wäre danach leichter zu überwachen. Bis zu dem Modell sind in Essen ab er noch gewaltige Betonköpfe zu bewegen. Die Skulpturen vor der Philharmonie stehen schon seit längerem starr und blödsinnig in den Raum starrend. Ein dialogischer Umgang ist derzeitig in der Kulturhauptstadt 2010 noch keine Selbstverständlichkeit. Der bisherige Kulturdezernent Oliver Scheytt hätte sich "auch eine andere Lösung" vorstellen können, "dann hätten wir mit Kaufmann hier gesessen", läßt er in der Pressekonferenz niederschreiben. Dazu hätte sich aber Kaufmann ohne Not aufgeben müssen. Dieser kann aber nicht nur auf Kapital und Presse hoffen, seine Arbeit hat Überzeugung geweckt und das Ansehen, das die Stadt 2010 nötig hat. Denn mittlerweilen zweifelt selbst die Landesregierung an Essens Fähigkeit zur Ausrichtung des Kulturhauptstadtplans. Ob wir dann auch bei 750.000 Euro Überziehungen Köpfe rollen sehen?

Hans-Joachim Steinsiek