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Bizets berühmter Klassiker „Carmen” als „Road Movie”
Am Sonntag erlebten die Besucher der Premiere von Bizets „Carmen” einen spannenden, in seiner Konsequenz einzigartigen Opernabend, der zum Besten gehört, was die Ära Theiler bisher auf die Gelsenkirchener Bühne gebracht hat.
George Bizets „Carmen”, 1875 bei der Uraufführung in Paris noch durchgefallen, ist heutzutage die wohl meist gespielte und beim Publikum eine der beliebtesten Opern überhaupt. Bizets unsterbliche Musik, die immer wieder gern gesehene spanische Stierkampfkulisse, die folkloristische Romantik bei zündenden Flamenco-Rhythmen, die dramatische Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang, das ist der Stoff, der selbst bei nicht bekennenden Opernliebhabern glänzend ankommt. Friedrich Nietzsche bezeichnete einmal Bizets „Carmen” als die Oper aller Opern. So ist es nicht verwunderlich, dass die Opernhäuser auf der ganzen Welt diesen Renner immer wieder auf ihrem Spielplan haben. Auch in unserer näheren Umgebung, noch vor kurzem in Essen und Dortmund, zuletzt in Wuppertal, konnte man eine „Carmen” erleben. Am Gelsenkirchener MiR hatten wir erst im Jahre 2001 die letzte, nicht gerade gefeierte Produktion des Publikumsmagneten. Warum also schon wieder?
Um es vorweg zu sagen, diejenigen, die im traditionellen Sinne von der neuen Gelsenkirchener Inszenierung alt bewährte, vielleicht lieb gewonnene Klischees erwarten, sollten sich diese „Carmen” nicht antun. Wer aber bereit ist, bei sich alte Vorstellungen von Musiktheater aufzugeben und sich auf neue Seh- und Denkweisen mit Bezug zur Aktualität einzulassen, der wird einen spannenden, in dieser Konsequenz einzigartigen Opernabend erleben, der zum Besten gehört, was die Ära Theiler bisher auf die Gelsenkirchener Bühne gebracht hat. Immo Karaman (Schon seine „Blaubart”-Arbeit (Bartok) sorgte hier für Furore.) kann seine Inszenierung konsequent umsetzen, da er in seinem Bühnenbildner Johann Jörg einen kongenialen Partner hat, dessen flexible Vorhang- und Lichttechniken (verantwortlich Michael Merckel, Jürgen Rudolph und Patrick Fuchs) ständig wechselnde Räume schaffen. Stark auch Fabian Poscas Choreografie in den ausdrucksstark entwickelten Bewegungspassagen des Chors, dazu Andreas Meyers Kostüme, in den Chorszenen dunkel und maskenhaft.
Was ist das Andere, das Besondere an Immo Karamans Inszenierung? Karaman wählt Don Josés Einstieg als Rückschau über sein verfehltes Leben, das ihn als ohnmächtigen Versager und Kriminellen stempelt und dem er amokfahrend mit einem Selbstmordversuch ein Ende setzen will. Das klingt beklemmend aktuell. Ausgehend von Prosper Mérimées Novelle setzt Karaman auf den inneren Monolog der eigentlichen Hauptperson Don José. Sein Monolog (Sprecher Daniel Drewes), in schnell wechselnden aussagekräftigen Bildern und Visionen in Szene gesetzt, dabei Raum lassend für eigene Interpretationen, treibt segmentartig die Handlung voran. Auf das gewohnte Libretto der im Original teils gesprochenen Dialoge wird man vergeblich warten. Zwischen Leben und Tod vollzieht José auf seiner Lebensstraße rückwirkend Stationen seines Lebens, in deren Mittelpunkt er in eifersüchtiger, zwanghafter Liebe zu Carmen - in seiner Schwäche an ihr festhaltend - stranden muss.
Diese Carmen ist nicht das Klischee einer „femme fatale”, deren sexueller Ausstrahlung José unterliegt, sondern wir erleben ihren ungebremsten Lebens- und Freiheitswillen. Karaman zeigt uns eine Carmen, die nur sich selbst gehören will, eine Frau in verschiedenen Erscheinungen, mal Vamp im Outfit einer Marilyn Monroe, mal Geliebte. Sie ist Hure und Heilige, Teufel und Liebesgöttin zugleich. Don Josés verzehrende Liebe zu Carmen sieht Karaman lediglich als Auslöser für sein Scheitern. Er scheitert letzlich „auf der Straße des Lebens” mit all ihrer Brutalität und Niederträchtigkeit an sich selbst. Dem Lebenskampf auf dem „Road Movie” ist er nicht gewachsen.
Wer so konsequent sein Konzept durchziehen will, muss sich als Regisseur von Szenen trennen, die nicht in den gesteckten Rahmen passen. So muss man bei Karaman z. B. auf die so beliebte Zeremonie der Wachablösung durch die Straßenkinder verzichten. Diese und andere, der Regie notwendig erscheinende Streichungen wird so mancher Carmen-Liebhaber bedauert haben.
Zurück zu den Stärken der Inszenierung. Durch den Kunstgriff der Monologisierung löst Karaman die gewohnte Aufteilung der Oper in 4 Akte auf und schafft dadurch einen vom Anfang bis zum Ende durchgehenden Ablauf des Werkes von bisher nicht da gewesener Dichte. Wer bereit ist, auf die konventionelle Sichtweise des Carmen-Stoffes zu verzichten, wird von dieser spannenden Inszenierung begeistert sein!
Begeistert darf man auch von der musikalischen Gestaltung dieser so beliebten „Ohrwurm”-Oper sein. Die Neue Philharmonie brilliert unter der Leitung von Cosima S. Osthoff. Sie lässt das Orchester unaufdringlich musizieren, entgeht so der Gefahr in Kitsch abzuschweifen. Auch an dramatischen Höhepunkten nimmt sie das Orchester bewusst zurück. Bemerkenswert wie sie den Sängern bei der Stimmführung hilft, auch der Chor - stark in den von der Choreografie lebenden Bewegungsszenen - kann davon profitieren. Anna Agathonos singt und spielt die attraktive Partie der Carmen. Ihre Stimme ist gewohnt voll und strömend. Sie kann bei den verschiedenen Erscheinungsformen der Carmen Akzente setzen, indem sie ihre Stimme gekonnt zu differenzieren versteht. Die beliebte Sängerin setzt mit ihrer Carmen-Gestaltung einen weiteren Höhepunkt in ihrer künstlerischen Entwicklung. Positiv überraschen - trotz kleiner Indispositionen - kann Christopher Lincoln als Don José. Er legt seine Rolle lyrisch biegsam an (Klasse sein Piano am Schluss der Blumenarie!) und macht nicht den Fehler, an dramatischen Stellen zu forcieren. An seiner Darstellung sollte er noch arbeiten, sein Spiel wirkt zuweilen noch unbeholfen. Das Mädchen, dem es nicht gelingt, José vor dem Untergang zu bewahren, ist Micaela, ansprechend gesungen und gespielt von Hrachuhi Bassenz. Nach anfänglicher Zurückhaltung gibt Melih Trepetmez - gerade auch in den Ensembleszenen - einen wohl klingenden Escamillo. Auch darstellerisch weiß er zu überzeugen. In kleineren Rollen gefallen Günter Papendell (Dancairo/ Morales), William Saetre (Remendado), Wolf – R. Klimm (Zuniga), Leah Gordon (Frasquita) und Mercédès (Birgit Brusselmanns).
Gespannt sein darf man auf die inoffizielle B-Premiere am Donnerstag, dem 19. April. Alternierend übernimmt Anke Sieloff die Rolle der Carmen. Noriko Ogawa – Yatake singt die Micaela, Jee – Hyun Kim gibt den Escamillo.
hjk
Fotos: FOTO Majer-Finkes
Termine
Donnerstag, 19.04.
19.30 Uhr
Sonntag, 22.04.
18.00 Uhr
Freitag, 27.04.
19.30 Uhr
Samstag, 05.05.
19.30 Uhr
Freitag, 11.05.
19.30 Uhr
Donnerstag, 17.05.
19.30 Uhr
Karten unter: (0209) 4097-200
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