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Aktueller Monat: Mai 2012


Die Geschöpfe des Bernd Schindowski

Beeindruckende Ballettpremiere am MiR mit der Neuen Philharmonie

Einmal mehr lässt Gelsenkirchens Ballettchef Schindowski aufhorchen, diesmal mit der Urauführung der „Geschöpfe des Prometheus”, einem bekannten Stoff aus der griechischen Mythologie mit der Musik von Ludwig van Beethoven.

Die Choreografie zu diesem Handlungsballett schuf damals, erstmalig 1801 an der Wiener Hofoper, der bedeutende Tänzer, Komponist und Maler Salvatore Viganò. Dank an Schindowski und die Leitung des MiR, dass es trotz stetig steigenden Kostendrucks gelungen ist, diese Produktion „live” mit der Neuen Philharmonie Westfalen zu realisieren. So wird ein Höchstmaß an Authentizität erreicht, auch wenn Schindowski bei der Umsetzung des Balletts ganz andere Ziele verfolgt als Viganò zu seiner Zeit.

Die Geschöpfe des Prometheus (Bild1)
Schließlich gibt es die verschiedensten Prometheus–Annäherungen. So ist es auch legitim, dass Schindowski - gemeinsam mit der kompetenten Dramaturgie von Johann Casimir Eule - die abenteuerliche Geschichte des Titanen Prometheus so verändert, dass die menschliche Seite bei der Herausforderung der Götter überwiegt. Zwar bleibt Prometheus derjenige, der die Götter erzürnt. Er raubt ihnen das Feuer, um seinen Geschöpfen Leben einzuhauchen. Zeus Strafe gegenüber dem Ungehorsamen, der es gewagt hatte, sich dem Willen der Götter zu widersetzen, ist fürchterlich. Ohne Erbarmen lässt er Prometheus ohne Speis und Trank an eine Felswand ketten, gequält von einem Adler, der täglich von seiner sich immer wieder erneuernden Leber frisst.

Soweit die Mythologie. Bei Schindowski ist der Adler jedoch keinesfalls der Peiniger, den Fels wird man vergeblich suchen. Für Schindowski scheint anderes wichtig. Prometheus bleibt bei ihm zwar eine tragische Figur, aber nicht so, wie dieser sich seine Schöpfung Mensch vorgestellt hat. Bei Schindowski entsteht der Mensch in all seiner Unvollkommenheit. Mit Mitteln des Tanzes lässt er auf breiter Bühne seine Geschöpfe Mensch werden in Freude und Trauer, in Lust und Schmerz, sich selbst erschaffend in phantasievollen Figuren und Positionen, die das wahre Menschsein mit all seinen Stärken und Schwächen in Glück und Unglück symbolisieren. Gegen Ende triumphiert die Liebe. Die Liebe hat die Geschöpfe zu eigenständigen Menschen entwickelt, die Liebe vereinigt Götter und Menschen in festlichem Tanz bei „himmlischer” Musik, Beethoven sei´s gedankt.
Prometheus aber muss erkennen, und das ist wohl die wesentlichste Aussage der sehenswerten Inszenierung, dass es ihm in seinem Ich–Wahn nicht gelingen kann, Menschen allein nach seinem Bilde zu formen. Menschen werden immer unzulänglich und unvollkommen bleiben. Diese Einsicht ist die eigentliche Tragik des Menschenschöpfers.
Ohne die „klassische” Musik Beethovens zu konterkarieren, hat Schindowski mit seinen Geschöpfen eine nie langatmig werdende Choreografie komponiert, wobei er seiner Philosophie von Tanztheater immer treu bleibt. Mit einer erfrischend spontan agierenden Compagnie liefert er – erstaunlich nah am Handlungsablauf orientiert, warum also der mitlaufende Fließtext? – eine muntere Geschichte ab, die nicht nur beim begeisterten Premierenpublikum für Zustimmung sorgen wird. So z. B. geeignet gerade auch für junge Menschen, für Schüler, die mit dieser Aufführung für das Theater schlechthin und insbesondere für diese Form von Tanz und Musik sensibilisiert und gewonnen werden können. Schindowski, schon seit langem ein glühender Verfechter für das Zusammenspiel von Schule und Theater, wird auch unter diesem Gesichtspunkt diese Inszenierung geplant haben.

Stellvertretend für die Leistungen der gesamten Compagnie seien die Namen der Solopartien genannt: Herausragend die Geschöpfe Priszilla Fiuza und Min–Hung–Hsieh als Menschenpaar, Takashi Kondo als Prometheus, die Göttinnen und Götter Stephanie Blasius, Ai Boshiyama, Yasuko Mogi, Xiang Li, Alina Köppen, Marika Carena, Jakub Spocinski, Bogdan Khvoynitskiy, Kostyantyn Grynyuk und Simeon Long sowie Yun Liao als Pan. Sehr körperlich präsent auch Schindowskis choreografischer Assistent Rubens Reis in seiner Solorolle als Bacchus. In kleineren Rollen Monika Wasden, Zeno Eule und Felix Georg.

Die Geschöpfe des Prometheus(Bild2)
Weiterer Garant für den Erfolg des Stückes: Das Bühnenbild Manfred Dorras. Dorra sorgt für „Lichtblicke” im Olymp, den er auf quadratischen und rechteckigen Plateaus – wie geschaffen für die Tänzer - wirkungsvoll in hell gleißendem Licht erstrahlen lässt. Derart grell ausgeleuchtet vermittelt der in Silberfolie ausgehangene Hintergrund himmlisch Bedrohliches.
Für das Auge die prächtigen Kostüme Andreas Meyers! Bei den Göttern und Bacchanten weiß Meyer in seinem Einfallsreichtum besonders zu glänzen. Warum Prometheus in einem wie ein Schlafanzug anmutenden Kleidungsstück sein Schöpfungswerk vollzieht und warum das erste Menschenkind ausgerechnet in speckiger Lederhose herumlaufen muss, ist mindestens noch erklärungsbedürftig und entbehrt nicht einer gewissen Komik. Bewusst oder unbewusst?
Alles in allem ein großer Erfolg für die Beteiligten, geadelt durch den präzisen Wohlklang der Neuen Philharmonie unter der Leitung von Kapellmeister Bernhard Stengel, dem es glänzend gelingt, Beethovensche Sinfonik aufblitzen zu lassen.
Davon war auch das Gelsenkirchener Premierenpublikum überzeugt. Es feierte ausgiebig einen gelungenen Ballettabend.

hjk
Fotos: Majer-Finkes

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