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Aktueller Monat: Mai 2012


Französische Grand Opéra in Gelsenkirchen

Das MiR meistert Berlioz Doppeloper „Les Troyens” mit Bravour

Eine der größten Herausforderungen für Gelsenkirchens Opernhaus, die Produktion von Berlioz zweiteiliger Oper „Die Trojaner” an einem Abend, ist glanzvoll vollbracht. Das „MiR” ist wieder einmal seinem Ruf gerecht geworden, selten gespielte oder in Vergessenheit geratene Werke großer Komponisten zu neuem Leben zu erwecken.

Zu erleben waren beide Teile - „Die Einnahme Trojas” und „Die Trojaner in Karthago” - in Wagnerianischer Länge an einem Abend. Berlioz selbst hat sein Gesamtwerk zu seinen Lebzeiten nie hören dürfen. Die Franzosen waren an einer Aufführung nicht interessiert, zu Unrecht, wie die hiesige Oper eindrucksvoll beweisen konnte. Die Pariser Oper ergötzte sich lieber an Mayerbeers Werken und hat wohl den Klangzauberer Berlioz nie richtig verstanden. Selbst Wagner mit seinem „Tannhäuser“ bekam den Vorzug.
An der Gelsenkirchener Aufführung hätte der Komponist und Librettist in einer Person seine helle Freude gehabt, denn hier erfährt die Nachwelt erstaunlich gekonnt die unerreichte Vielfalt seiner überwältigenden Klangwelt. Allein 25 Orchesterproben bürdete sich die Neue Philharmonie auf, um dieser gerecht zu werden. Das gelang ihr unter der Leitung ihres Dirigenten Samuel Bächli vorzüglich. Die große Liebe zu Berlioz wird bei Bächli und seinem Orchester im Einklang mit dem über sich hinauswachsenden Chor und dem insgesamt gut disponierten Sängerensemble überaus deutlich.
Premiere Les Troyens Bild1
Die Regie Andreas Bäslers transferiert das antike Massaker um den Untergang Trojas in die Zeit des Untergangs zweier Weltkriege ins 20. Jahrhundert, gleichsam als Parallele dafür, dass die Menschheit aus den Grauen der Geschichte nichts gelernt hat. Dieser leicht nachzuvollziehende Ansatz gelingt im 1. Teil der Oper beklemmend echt. Das auf diese Vorgabe schlüssig abgestimmte Bühnenbild Hermann Feuchters zeigt eine bunkerähnliche Festung, die den Blick frei gibt auf eine zerstörte, vom Kriegsgetümmel noch rauchende Landschaft, wie wir sie von den Schlachtfeldern Verduns aus dem 1. Weltkrieg noch kennen.
Premiere Les Troyens Bild2
Das ist schaurig gut gemacht, selbst für das trojanische Pferd findet Bäsler eine seiner Konzeption dienende Lösung. In die Festung hineingezogen wird ein monströses, den ersten Tanks des 1. Weltkriegs ähnelndes Ungetüm aus Eisen und Stahl. Wenn dann von diesem waffenstrotzenden Gefährt - mit dem Markenzeichen „Pferdekopf” für trojanische Herkunft - gleißende Scheinwerfer in den Zuschauerraum geschossen werden, kann sich wohl kaum einer der schaurigen Wirkung entziehen. Die Kostüme Gabriele Heimanns sind durchgehend dieser Architektur in dunkel bedrückender Farbgebung angepasst. Selten einhaltlich diese Übereinstimmung von düsterem Bühnenbild, farblich stilsicher abgestimmter Kostüme in einer überzeugenden Inszenierung.
Die Tragödie des 1. Teils vollzieht sich folgenschwer über die Darstellung der Kassandra. Anna Agathonos ist die Seherin Kassandra. Sie gibt ihr im Wissen um die nicht zu verhindernde Katastrophe tief menschliche Züge. Ihre warme strömende Stimme bringt Verzweiflung und Leiden ohne Forcieren perfekt zum Ausdruck, selbst da, wo stimmlich dramatisches Anpacken gefordert ist. Mit der Agathonos wächst an unserem Theater eine Sängerin heran, der man jetzt schon eine große Zukunft voraussagen darf. Jee–Hyon Kim gibt Kassandras Verlobten Chorebe in berauschend lyrischer Tongebung, frei von jedem Angestrengtsein. Von den vielen Nebenrollen, selbst Aeneas ist im 1. Teil nur eine davon, sei noch die schleimig kriechende Darstellung des Spions Sinon herausgehoben. William Saetre weiß hier zu überzeugen. Diese Szene hatte am Sonntag beachtliche Weltpremiere! In keiner der bisher aufgeführten Fassungen wurde sie je gespielt. Berlioz hatte nämlich bis zu seinem Tode für diese Szene nur ein noch nicht fertig gestelltes Konzept hinterlassen. Dramaturgisch passt die Sinon-Szene trefflich in den Handlungsablauf hinein, denn nur durch Verrat angestiftet gelingt es den Griechen in die Stadt zu gelangen.
Ganz ausgezeichnet die großartige Leistung des Hauschores, der vom Extrachor verstärkt, im 1. Teil eine die Handlung vorantreibende Hauptrolle einnimmt. In der Einstudierung von Nandor Ronay leistet die Chorgemeinschaft nicht nur sängerisch Erstaunliches, auch im Szenischen tritt man gekonnt auf.
Premiere Les Troyens Bild3
Der 2. Teil öffnet dem Betrachter den gleichen Raum, der aber - kontrastreich zum düsteren 1. Teil - eine in kaltes Weiß getünchte, unwirkliche Helle ausstrahlt. Hier regiert die von ihrem Volk abgöttisch geliebte, verwitwete Königin Dido, die Assoziation mit der Ära Evita Peron scheint von der Inszenierung nahezu gewollt. Dido verliebt sich in Aeneas, der mit einer kleinen Truppe von Getreuen dem Gemetzel von Troja entronnen war und in Karthago Asyl bekommt. Ganz ohne kriegerische Heldentaten geht es auch hier nicht ab, denn Aeneas und seine Soldaten können einen feindlichen Angriff auf Karthago siegreich abwehren. Im Mittelpunkt des Geschehens steht aber die unglückliche, gar nicht „unsterbliche” Liebe von Dido zu Aeneas. Als dieser - trotz seiner Liebe zu Dido - dem göttlichen Auftrag gemäß aufbricht, um in Italien ein neues Troja zu gründen, macht Dido, Aeneas verfluchend, ihrem Leben ein Ende.
Der handlungsarme 2. Teil (wegen der auf der Bühne nicht sichtbaren Nebenschauplätze!) lässt viel Raum für den berauschenden Klangzauber Berliozscher Musik in den exponierten Arien und Duetten der beiden Protagonisten Dido und Aeneas. Hier können wir das erleben, was den Reiz Berliozscher Musik ausmacht. Hier schwelgen dann auch ein sich in Hochform befindendes Orchester und ein Sängerpaar, um das uns so manche große Oper beneiden dürfte, in überirdisch anmutenden Klangwelten. Allem voran die großartige Anke Sieloff, die wir selten - sowohl in lyrischen als auch in hoch dramatischen Phasen - so gut erlebt haben. Faszinierend bei ihr die natürliche Umsetzung von Musik in ungekünstelter Darstellung. Christopher Lincoln als Aeneas fehlt noch die heldische Präsens des „Halbgottes” mit Missionsgeist für eine neue Welt. Stimmlich ist er sehr wohl seiner Aufgabe gewachsen, nicht als stimmgewaltiger Heldentenor, sondern ausgerüstet mit einer auch in den schwierigen Höhen schlank geführten Stimme, die jederzeit leicht über das Orchester hinwegstrahlt. Wen sollte man sonst noch aus der großen Zahl der Sänger hervorheben? Nicolai Karnolski mit seinem tief tönenden Bass als mahnender Schatten Hectors (mit Halleffekt!) oder als Didos Minister Tarban? Shyla Rizo als Aeneas’ Sohn? Das ganze Ensemble einschließlich der Gastrollen mit Katarzyna Kunico als Didos Schwester Anna und Eric Laporte als Dichter Iopas, ein lyrischer Tenor mit Perspektive, konnte voll überzeugen.
Kompliment! Das Musiktheater im Revier hat sich für hiesige Verhältnisse einer kaum zu bewältigenden Mammutaufgabe gestellt und gewonnen. Die zahlreich angereisten „Theaterkenner” werden bei sich die Kunde gerne verbreiten, so dass das Gelsenkirchener Theater für Opernfreaks wieder einmal eine Reise wert sein wird. Das ausverkaufte Haus dankte mit lang anhaltendem Beifall, der sich auch noch bis in die Premierenfeier fortsetzte. Dort sah man ein glücklich geschafftes Ensemble, von den Künstlern bis hin zu den Bühnenarbeitern.
Schade, dass es keine Gesamtaufführung mehr geben wird. Die beiden Teile sind nur noch getrennt als Einzelaufführungen zu sehen.

hjk