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Aktueller Monat: Mai 2012


MiR: Wie man aus Käse reine Sahne macht

Standing Ovations für Gershwins „Strike Up the Band”

Einmal im Jahr darf sich Gelsenkirchen auf eine neue Musical–Produktion freuen. Wieder einmal geht man das Wagnis ein, Vergessenes wieder ins Rampenlicht zurückzuholen. Nach Gershwins „Crazy for you” nun sein noch weniger bekanntes Musical „Strike up the band” in deutscher Erstaufführung.

1927 noch ein Flop, 1930 wenigstens ein Achtungserfolg, als man aus dem Käsekrieg gegen die Schweiz leicht überzuckert eine Schokoladenfehde machte und so am Broadway erfolgreich punkten konnte.
Außer dem Versuch einer stark überarbeiteten Wiederbelebung in der Schweiz im Jahre 1999 hat man von „Hau auf die Pauke”, so etwa könnte die deutsche Übersetzung des Titels heißen, nie wieder etwas gehört.
Worin mag nun der Reiz liegen, gerade diesen frühen Gershwin, nun wahrlich kein „Paukenschlag” in der Geschichte des amerikanischen Musicals, noch einmal für die Nachwelt auszugraben? Die zentrale Handlung um den US–amerikanischen Käseproduzenten Fletcher allein, der mit seiner „American Cheese Company” die globale Marktherrschaft anstrebt und zur Durchsetzung seiner Zielsetzung sogar vor einem Krieg - ausgerechnet gegen die kleine Schweiz - nicht zurückschreckt, kann es nicht gewesen sein. Diese am Beispiel der USA hergeholten Story (Text Gershwins Bruder Ira, spätere Erfolgsfassung von George S. Kaufman) um Krieg und Kapitalismus und auf die Spitze getriebenen Hurrapatriotismus ist denn auch rein fiktiv und steht nicht allein für amerikanische Verhältnisse, sondern wendet sich karikierend und parodierend gegen alle Entartungen von Wirtschaftsimperialismus überhaupt.

Die Chance eine Musical Comedy aufzubieten, die harte Politiksatire mit scheinbar verharmlosender, amerikanisch verstandener „Operette” verbindet, wollte sich das Team um Matthias Davids nicht entgehen lassen. Schließlich geht es hier um Käse und nicht um Öl. So wird dann auch nur mit Worten geschossen, zuweilen aber mehr gealbert und geblödelt, als es dem Stück insgesamt gut tut. Teilweise belanglose Dialoge und Parodien - trotz der deutschen Neubearbeitung von Roman Hinze -, besonders zu Anfang des 1. Aktes, könnten noch gestrafft werden. Was soll’s. Dem Premierenpublikum hat es gefallen, Beifall auf offener Szene. Für Matthias Davids die Bestätigung seiner Intention, seine Politsatire für jeden verständlich und publikumswirksam als Musical auf die Bühne zu bringen.
Das ist gar nicht so einfach bei einem insgesamt doch eher schwachen Stück. In erster Linie Gershwins Musik sollte es richten und Schwächen kompensieren, was auch ansatzweise gelingt. Die Inszenierung von Matthias Davids wird dann immer stark, wenn Text, der die Handlung nach vorne treibt, gesungen wird. Das gelingt den Darstellern unter der musikalischen Leitung von Kai Tietje hervorragend. Tietje, als „hausgemachter” Gershwin-Kenner hat auch die Arrangements geschrieben und lässt sie mit der locker und leicht swingenden Neuen Philharmonie jazzig aufleben. Selbst da, wo fast omnipräsent Marschmusik vorherrscht, gewinnt sie an Leichtigkeit. Und die hat das Musical bitter notwendig, denn außer dem berühmten Ohrwurm-Song „The man I love” (hitverdächtig gesungen von Anke Sieloff und Gaines Hall) oder der Titelnummer „Strike up the band” hat das Stück an musikalisch Erbaulichem insgesamt wenig zu bieten.

Strike Up the Band 1Begeisternd! Filipina Henoch und Philippe Duclos

Und doch gibt es Gewinner der Premierenvorstellung. Die singend, spielend und tanzend sich einbringende Riege der Darsteller - das großartige Chorkollektiv (Einstudierung Christian Jeub) mit einbezogen- kann auf ganzer Linie überzeugen. Joachim G. Maaß ist Horace J. Fletcher und beweist einmal mehr seine Vielseitigkeit als Sänger und Darsteller. In einem Musical darf eine (sogar zwei Liebespaare!) Lovestory natürlich nicht fehlen. Gaines Hall, beliebter Gast in verschiedenen Musical –Produktionen am MiR, zunächst als Pazifist verhaftet, dann als Kriegsgewinner gefeiert, bekommt als smarter Journalist seine kapriziöse Fabikantentochter Joan Fletcher, wie immer verlässlich von Anke Sieloff verkörpert. Eine positive Überraschung ist Filipina Henoch, die sich als Anne Draper mit sympathischer Ausstrahlung in die Herzen der Zuschauer spielt, singt und steppt. Ihr Partner Philippe Duclos, der kurzfristig die Rolle des Timothy Harper übernommen hat, fällt in keinster Weise ab. Überragend in der Steppszene im Finale des 1. Aktes! Wolfgang Beigel (Colonel Holmes), Frank Engelhardt (Sloane) und Daniel Drewes als völlig überdrehter Spion Spelvin sind weitere Garanten für die Publikumszustimmung an diesem Abend, genauso wie die 4 Soldaten, in Szene gesetzt und gesungen von Sergey Fomenko, Georg Hansen, Wolf – Rüdiger Klimm und Charles Moulton. Dann war da noch das Wiedersehen mit Eva Tamulénas. In der Rolle der Mrs Draper beweist sie, dass sie noch lange nicht „zum alten Eisen” gehört. Bravourös bewältigt sie ihre Aufgabe.

Strike Up the Band 2Szene aus dem 2. Akt mit Ballett und Opernchor

Zweifellos zu den Stärken der Produktion gehört die Choreografie der Melissa King. Die Tanzszenen, nicht nur die der Solisten, kommen prima rüber, besonders die Steppszenen, unterstützt von Tänzerinnen und Tänzern aus dem Ballett Schindowski, begeistern. Das Bühnenbild Knut Hetzers lässt ihnen genug Raum. Im 1. Bild gelingt es Hetzer, die Verarbeitungsmaschinerie der Käsefabrik (in grellem Gelb!) beklemmend echt zu vermitteln, im 2. Bild spielt er mit der folkloristischen Vorstellung der Schweiz aus der Sicht der Amerikaner. Passend dazu die Kostüme von Judith Peter. Sie reduziert sie auf das Notwendigste. Hier die kollektive Einheitskleidung bei den Arbeitern und Soldaten, dort der eindrucksvoll betuliche Umgang mit der Schweizer Folklore.
Fazit dieses Musicalabends? Für das Publikum hochgradig performte Unterhaltung!
Eine Frage bleibt allerdings unbeantwortet. Darf man mit dem Thema Krieg so leichtfertig und flach umgehen, auch wenn es sich hier ausdrücklich nur um eine Realsatire handelt, bei der keine Toten zu beklagen sind und am Ende ein falscher Jodler den Amerikanern den Sieg beschert? Im Sinne der Inszenierung muss sich wohl jeder die Antwort selbst geben.
Dem Gelsenkirchener Publikum war’s einerlei. Frenetisch feierte es seine Lieblinge.

hjk
Fotos: Majer-Finkes

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