„Die Trojaner” am Gelsenkirchener MiR
Wenn der Spielplan des „MiR” in diesen Tagen so gut wie gar keine Vorstellungen anzubieten hat, so hat das einen triftigen Grund: Auf und hinter der Bühne wird auf Hochtouren gewerkelt und geprobt. Gelsenkirchens Opernbühne fiebert der vielleicht aufwändigsten und anspruchvollsten Produktion ihres Bestehens entgegen.
Anna Agathonos bei der öffentlichen Probe
Am Sonntag, dem 14. Januar, 15.00 Uhr, ist Premiere von Hector Berlioz’ gigantischer Doppeloper „Les Troyens”, einer Koproduktion mit dem Straßburger „OPÉRA NATONAL du RHIN”, original französisch gesungen mit deutschen Übertiteln.
Nur zur Premiere werden beide Teile (Teil 1: „Die Einnahme von Troja”, Teil 2: „Die Trojaner in Karthago”) als „Gesamtkunstwerk” in voller Länge von 6 Stunden gezeigt. Alle weiteren Vorstellungen kann man an verschiedenen Abenden sehen, ganz im Sinne des Komponisten, da es sich formal um zwei in sich geschlossene Opern handelt.
Aus der griechischen Mythologie ist das Spektakel des 1. Teils um das Schicksal der Stadt Troja bestens bekannt. Nach Jahren schrecklichsten Kriegsgrauens gelingt es den Griechen durch List und Verrat die kriegsmüden Trojaner zu besiegen, weil diese Kassandras voraussehende Warnung vor dem Geschenk der Griechen – dem trojanischen Pferd – nicht wahrhaben wollen. Während die meisten trojanischen Krieger im Kampfesgetümmel fallen und Kassandra die Frauen zum Suizid auffordert, gelingt Äneas mit einigen seiner Mannen die Flucht aus der zerstörten Stadt. Mit dem göttlichen Auftrag, ein neues Troja auf italienischem Boden (Rom) zu gründen, bricht er auf.
Zu Beginn des 2. Teils landet Äneas nach einer Irrfahrt an der Küste Karthagos. Gerade zur rechten Zeit kommen die Trojaner Dido, Karthagos verwitweter Königin, zu Hilfe, um das Land im Kampf gegen Eindringlinge vor einer drohenden Niederlage zu retten. Dido und Äneas verlieben sich ineinander, aber Äneas will eingedenk seines göttlichen Auftrags nicht für immer in Karthago bleiben. Er muss weiter, um das neue Troja zu gründen. Er lässt eine tief verletzte Dido zurück.
Berlioz’ Oper ist inhaltlich eine martialische Geschichte aus Kriegswehen, Flucht und Liebe. „Les Troyens“ ist kein Auftragswerk im üblichen Sinne, Berlioz hat selbst das Libretto geschrieben. Der 1. Teil ist zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt worden, später nur einmal konzertant, und stellt somit eine außerordentliche Rarität dar. Zwei zu seiner Zeit gegensätzliche Strömungen versucht Berlioz in Einklang zu bringen, zum einen seine Liebe zu Shakespeares „offener Form” und dessen vor Leben strotzende Figuren, zum anderen hält er fest an dem staatstragenden antiken Epos der „Äneis” des Vergil.
In der Musik wird dieser Dualismus in immer wieder überraschenden Klangformen deutlich. Rückwärtsgewandt, indem er sich der konservativen Form der Nummernoper – die Oper hat allein 52 Nummern - verschreibt, während andere Komponisten wie Richard Wagner längst eine durchkomponierte Form der Oper favorisieren. Berlioz klingt völlig neu und einmalig da, wo er in der Verselbstständigung von Singstimme und Orchestrierung durch unerwartete Elemente überrascht. Die sich anscheinend gegenseitig störenden Rhythmusüberlagerungen – wie z.B. im großen Eingangschor des 1. Aktes - schaffen fantasievolle Klangwelten von bis dahin ungekannter Größe.
Einführung in das Werk: ( von l. n.r.) Samuel Bächli, Andreas Bäsler, Dramaturg Johann C. Eule und Herrmann Feuchter führen in das Werk ein.
Dieses grandiose, schwer aufführbare Werk bedeutet für die Inszenierung eine große, aber auch ungeheuer reizvolle Aufgabe. Andreas Bäsler, Regisseur der Gelsenkirchener als auch der Straßburger Produktion, verlegt im Zeitsprung den Mythos der Antike in die in der Gegenwart noch nachwirkenden Grauen zweier Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Für Bäsler ist entscheidend, dass die antike Katastrophe in dem ewig aktuellen „Spiel” von Krieg, Liebe und Frieden in der Gegenwart angesiedelt wird. Dazu musste Herrmann Feuchter als Bühnenbildner für beide Theater eine Lösung finden, ein Bühnenbild, das nicht in der Historie stehen bleibt, sondern den Blick frei gibt auf die Katastrophe zweier Weltkriege, für Straßburg und Gelsenkirchen gleichermaßen praktikabel. Dafür braucht er zwei Orte, jeweils einen für beide Teile, wobei größere Umbauzeiten möglichst vermieden werden. Man darf darauf gespannt sein, inwiefern das gelungen ist.
Die Gelsenkirchener Neue Philharmonie unter dem bewährten Dirigat von Samuel Bächli steht vor der schwierigen Aufgabe, den Berlioz eigenen Klangzauber zu verwirklichen. Die öffentliche Probe vom letzten Samstag machte deutlich, dass der Perfektionist Bächli noch lange nicht mit seinem Klangkörper zufrieden ist. Immer wieder fordert er von seinen Sängern und Musikern Präzision ein, noch mehr Einfühlung in die Klangmalerei des Komponisten. Und das wird wohl auch bis zur Premiere am Sonntag so bleiben.
In den Hauptrollen singen Anna Agathonos, Anke Sieloff, Katarzyna Kunico als Gast und Christopher Lincoln, um nur einige aus der großen Besetzungsliste zu nennen. Dem bei der Probe krankheitsbedingt fehlenden Hyun Kim ist möglichst schnelle Genesung zu wünschen, denn Ersatz für seinen Part wird wohl bis zur Premiere nur schwer zu finden sein.
Die Opernfreunde jedenfalls, und nicht nur die aus dem Revier, werden neugierig sein, ob das „MiR” Berlioz’ Mammutwerk wird schultern können.
Daumendrücken für ein gutes Gelingen!
Kartenreservierung unter: (0209) 4097-200
hjk