Vagusnerv-Stimulation als wichtige Option
Die Epilepsie-Ambulanz der Kinderklinik Gelsenkirchen ist einziges Therapiezentrum für Vagusnerv-Stimulation im Ruhrgebiet. Nachfolgend ein Anwendungsbericht:
Die Eltern des siebenjährigen Moritz sind voller Hoffnung, dass ihr Sohn nach jahrelanger, vergeblicher medikamentöser Therapie eine Chance auf mehr Lebensqualität erhält: Moritz leidet an einer angeborenen, inoperablen Fehlbildung des Gehirns. Krampfanfälle mit unterschiedlicher Intensität treten bei ihm mehrmals täglich auf.
Anfang des Jahres implantierte Dr. Uwe Wildförster, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie im Bergmannsheil Buer, bei Moritz einen elektrischen Impulsgeber, der die Anzahl und Intensität seiner Anfälle deutlich senken soll. „Zwei kleine Schnitte sind zur Implantation des Impulsgebers an Schulter und Hals nötig. Diese kleine, sieben Millimeter dünne Scheibe, hat einen Durchmesser von 50 Millimeter und liegt unter der Haut, im Bereich der linken Brust, nahe der Schulter. Ein schwacher Stromimpuls fließt durch ein winziges Elektrodenkabel direkt an den linken Vagusnerv, ein seitlich im Hals hinab laufender Hirnnerv. Der durch den Stromimpuls ausgelöste Reiz wird weiter ins Gehirn geleitet”, erklärt der Neurochirurg. Die Operation dauerte rund eine Stunde und gilt in der Neurochirurgie als kleiner Eingriff. Es ist keine Gehirnoperation.
Moritz blieb – gemeinsam mit seiner Mutter – noch eine Nacht im Krankenhaus, dann konnte er bereits nach Hause. „Der elektrische Reiz, quasi ein Mini-Stromschlag, soll den Teufelskreis durchbrechen, der die Anfälle auslöst”, sagt Dr. Markus Klotz, Moritz behandelnder Kinderarzt in der Abteilung für Neuropädiatrie der Kinderklinik Gelsenkirchen. Seine Epilepsie-Ambulanz ist das einzige Therapiezentrum für die Vagusnerv-Stimulation im Ruhrgebiet. Moritz spürt diese aktuell 0, 5 Milli-Ampere starken elektrischen Impulse, die alle fünf Minuten für 30 Sekunden den Nerv stimulieren, nicht. Anders als bei den Medikamenten, die ihn stark ermüden, sind Nebenwirkungen bei der Vagusnerv-Stimulation kaum zu merken - eine leichte Heiserkeit in der ersten Zeit oder ein wiederkehrendes Räuspern sind möglich. Vorerst wird Moritz seine Medikamente weiterhin einnehmen. Doch Dr. Klotz ist zuversichtlich, diese reduzieren zu können: „Viel wichtiger ist, die Anfallsstärke zu mindern und den Betroffenen die Angst vor einem möglichen epileptischen Anfall zu nehmen. Mit Hilfe eines Magneten, den Moritz beispielsweise an seiner Armbanduhr trägt, kann der Stimulator jederzeit zusätzlich aktiviert werden, wenn sich ein Anfallsvorgefühl einstellt. Völlige Anfallsfreiheit ist nicht das erste Ziel.”
Moritz Eltern sind schon jetzt mit der neuen Therapie zufrieden. Wissen sie doch, dass die optimale Wirkung nicht unmittelbar, sondern oft erst nach ein bis zwei Jahren eintritt. Doch Moritz wirkt schon jetzt viel agiler, er ist ansprechbarer – auch für seine Therapeuten. Die Vagusnerv-Stimulation, die allmählich - bis auf maximal zwei Milliampere gesteigert wird - hat einen positiven Effekt auf Ergotherapie und Krankengymnastik: Von ihr profitiert Moritz stärker, weil er nun viel aktiver ist. Die antidepressive Wirkung der Therapie ist ein bedeutender Aspekt. Auch bei epilepsiekranken Erwachsenen zeigt die Therapie Erfolg: Bei über 40 Prozent aller Patienten ging die Anzahl der Anfälle durch die Stimulation mit der Zeit um mehr als die Hälfte zurück.
Epilepsie ist nach wie vor mit vielen Vorurteilen behaftet. Die Erkrankung, von der in Deutschland rund 200 000 Kinder betroffen sind, wird oft aus Unwissenheit als Geisteskrankheit eingestuft. Betroffene erfahren gesellschaftliche Ausgrenzung und fühlen sich stigmatisiert. „Dreiviertel der epilepsiekranken Kinder sind durchschnittlich intelligent, besuchen die Regelschule und sind von gesunden Kindern in vielen Lebensbereichen nicht zu unterscheiden”, betont Dr. Klotz. In seiner Epilepsie-Ambulanz der Kinderklinik Gelsenkirchen, die von der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie empfohlen wird, betreut er mehrere Hundert Kinder aus Gelsenkirchen und Umgebung – oft über viele Jahre.
Hintergrundinformationen: Was bedeutet Epilepsie?
Epilepsie ist eine organische Erkrankung des Gehirns, die mit immer wiederkehrenden Krampfanfällen einhergeht. Sie ist die häufigste neurologische Erkrankung im Kindesalter. Jeder Mensch kann unter bestimmten Umständen einen epileptischen Anfall bekommen, ohne dass damit sofort eine Epilepsie diagnostiziert werden muss. Aber nur ca. ein Prozent der Bevölkerung ist an Epilepsie erkrankt und damit chronisch krank.
Die Diagnostik ist oft schwierig: Mehr als 30 Arten epileptischer Anfälle und ebenso viele Arten epileptischer Syndrome werden unterschieden. Zu den Ursachen zählen Schädigungen des Hirngewebes, aber auch Tumore oder Unfälle, bei denen das Gehirn verletzt wird. Oft bleiben aber die genauen Ursachen verborgen. Epilepsien werden nicht vererbt. Sehr häufig sind kleine Anfälle, die sich durch kurze Abwesenheit oder leichtes Zusammenzucken wie beim Erschrecken äußern.
Eine medikamentöse Therapie bringt bei über 90 Prozent der Patienten Anfallsfreiheit. Neurochirurgische Eingriffe am Gehirn sind eine weitere, aber leider nur eine selten anwendbare Option. Die Vagusnerv-Stimulation ist ein etabliertes Behandlungsverfahren, das bereits seit 1995 mit guten Ergebnissen bei medikamentenresistenten Patienten angewendet wird. Weltweit wurden rund 46.000 Patienten mit einem Vagusnerv-Stimulator, davon 1.000 in Deutschland, versorgt.