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Aktueller Monat: Mai 2012


Reporter Unterwegs

Von Windböen und „gelockerten” Bolzen auf dem Baukran

Herz- und Pulsschlag normal, Kreislauf stabil, Atmung gleichmäßig – ein letzter mutiger Blick hinauf, die Sprossenleitern entlang zu der in knapp 40 Metern Höhe unter dem Ausleger hängenden Führerkabine. - Auf gehts! „Alles in Ordnung”, hatte mich der Kranführer auf festem Boden beruhigt. „Kein Problem, ist alles sicher!” Ein Erlebnisbericht von Rainer Wagner.

Kranführer WojciechWojciech L., 60-jähriger Pole, kompakte kräftige Statur, Handdruck wie von einem Schraubstock, steht mit der Schaltkonsole auf der dritten Etage der stationären orthopädischen Reha-Klinik des Bergmannsheil am Schernerweg. Mit der Schaltkonsole steuert er den Kran. Die Rohbauarbeiten auf der Großbaustelle dort kommen gut voran. Gleiches gilt für die neue Kinderklinik, die dritte Ebene ist erreicht. In nur 14 Monaten Bauzeit entstehen auf einem Areal von 20 000 qm die beiden neuen Kliniken. Auch ein Verdienst der Kranführer. „Ist besser hier auf dem Boden zu arbeiten, als oben in der Kabine zu sitzen. Du siehst mehr, hast direkten Kontakt zu den Kollegen und zum Material”, zieht Wojciech die Arbeit in Bodennähe vor. „Siehst Du den gerundeten Glasboden in der Führerkabine da oben an den anderen Kränen? Verzerrt die Perspektive, behindert die Sicht, verstehst Du?” Angst in der Höhe? „Mach ich schon 15 Jahre, mal oben, mal unten.”
Etwa alle fünf Meter aufwärts im Kran befindet sich ein Podest zwischen den stählernen Verstrebungen, suggeriert Sicherheit beim Verschnaufen. Doch je höher ich klettere, desto kleiner werden Mensch und Maschinen unten auf der Erde – was heißt da Sicherheit? Der kurze Blick nach unten muss sein, er zeigt, wie viele Sprossen ich geschafft habe.
Schon von weitem, von der Kurt-Schumacher-Straße aus, sind die drei Kräne zu sehen. Sie recken sich wie gelbe Finger durch das Blätterdach der Berger Anlagen. Noch bestimmen sie den Tagesablauf auf der Großbaustelle am Bergmannsheil.

Elektronik reagiert

Beeindruckend wird es, wenn man von der Erde aus an ihnen entlang in den Himmel sieht. Allein 55 waagerechte Meter misst der Ausleger. Er reicht gerade bis zur Ecke der Reha-Klinik. Entsprechend heißt es, die Last zu verteilen: Direkt am Krankörper dürfen es sechs Tonnen sein, an der Spitze nur zwei. Und wenn es doch mehr Gewicht ist? „Das merkt die Elektronik, hängt zu viel dran, schaltet der Kran automatisch ab.” Wojciech hat Erfahrung in seinem Beruf, hat auch auf Kränen mit 60 und mehr Metern Höhe gearbeitet. Auch dort „keine Probleme”, sagt er. Angst kennt er nicht, was stört: „Du sitzt sieben, acht oder neun Stunden täglich oben.”
Mich reizte der Gedanke, einmal von oben, überdies von der höchsten Stelle in Buer einen Blick auf das Gewusel einer Baustelle zu werfen. 50 Bauarbeiter sind es derzeit, in der Endausbauphase, etwa im Frühsommer 2007, gut 250. Eine kurze Frage im Baubüro, ein Kopfnicken, „natürlich auf eigene Gefahr”, und der Aufstieg war genehmigt. Jetzt geht es also ohne Pause stetig weiter, nicht mehr so forsch. Jeder Tritt und Griff will inzwischen bedacht sein. Das liegt nicht an den heftigen Windböen, welche die Jacke aufblähen - und die Lippen austrocknen? Eher nicht. Denn die Anspannung ist merklich gestiegen. Und noch kein Ende, obwohl die oberste Plattform neben der Kabine nahe scheint. Noch zwei kurze Leitern, sage ich mir. Dann reichts. So hoch will ich gar nicht hinauf.

Viel Fingerspitzengefühl

Muss ich auch nicht. Zugegeben, Wojciech hat mich beeindruckt. Aber macht nicht jeder das, was er gut kann? Und Wojciech bewegt sich nun mal gerne in großer Höhe oder als Sporttaucher in der Tiefe, für ihn kein Problem. Er mag das kalkulierbare Risiko, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, Eigenschaften, die für Beruf und Hobby sehr wichtig sind. Für mich ist es eine Erfahrung mehr abseits der Straße.
Knapp 35 Meter Höhe sollten deshalb beim ersten Mal reichen für einen phantastischen Ausblick auf den imposanten „Dosendeckel” der SchalkeArena im Süden, auf die im Westen liegende Halde Rungenberg mit den zwei großen Strahlern, auf Urbanuskirche und Buersches Rathaus im Norden sowie über die Grenzen der Stadt hinweg.
Blick auf die BaustelleBlick auf die Baustelle

Dieser „Aussichtsturm” konnte nicht besser gewählt sein, der während meiner „Klettertour” Material und Maschinen auf der Baustelle verteilte. Es gibt tatsächlich Dienstpläne, welche die Vorfahrt der Kräne regeln, generell heißt es jedoch für die Kranführer, höllisch gut aufzupassen. An die Umgebung verschwenden sie deshalb keinen Blick mehr.
So schnell wie sie aufgelistet sind, will das Auge aber nicht unbedingt den markanten Wahrzeichen folgen. Denn ein leichtes Schwanken des stählernen Krankörpers erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Löst sich da nicht ein Bolzen, 35 Meter über dem Erdboden? Natürlich nicht! Aber ich will es nicht darauf ankommen lassen. Also mit trockenem Mund Sprosse um Sprosse den Fluchtweg angetreten, zurück auf den Boden der Tatsachen und dort neben dem Kran: Herz- und Pulsschlag normal, Kreislauf stabil, Atmung gleichmäßig, wie bei Wojciech.
Und was sagt dessen Familie zu dem Arbeitsplatz zwischen Himmel und Erde, die Ehefrau oder die zwei Söhne? „Ich muss Geld verdienen”, heißt die schlichte Antwort. Sie lässt die konzentrierte Aufmerksamkeit und das feine Fingerspitzengefühl kaum ahnen, die erforderlich sind, um tonnenschwere Materialien millimetergenau auf den Punkt abzusetzen. Von Armin Schlierenkamp, Polier und Vorarbeiter der Maurer und Zimmerleute, Herr über die Kräne, erhoffte ich mir bessere Antworten. Doch auch er sieht in der Arbeit nichts Ungewöhnliches. Unzählige Male habe er Kräne bewegt, ist rauf und runter geklettert: „Das gehört dazu.” Und seine Angst? Ein mildes Lächeln ist die Antwort. So fragt nur jemand, der das „Geschäft” nicht kennt.